Ein Jahrhundertereignis
28. Juli 2013: Altabt Dr. Odilo Lechner weiht die erste Standarte des Huosigaus

DIESSEN | Huosigau - Ein Traumsommer mit 33 Grad, weiß-blauer Bilderbuchhimmel und mehrere Tausend Menschen im bairischen Gewand rahmen ein Jahrhundert-Ereignis ein: Die Heimat- und Trachtenvereinigung Huosigau, gegründet im Jahr 1911, weiht ihre erste Gaustandarte. „Ein wahrhaft festlicher Tag nimmt jetzt seinen Anfang.“ Sepp Kaindl, der Vorsitzende der Heimat- und Trachtenvereinigung Huosigau kündigt den feierlichen Anlass im voll besetzten Marienmünster zu Diessen an, während draußen auf der Klosterwiese nahezu 1.500 Teilnehmer das Ereignis über eine Großleinwand verfolgen. Kaindl wünscht allen, „ein Stückchen Heimat mitzunehmen“, von jenem Tag, der so einmalig ist im Leben.

Wohl kein Besucher der zweistündigen kirchlichen Feier ging unberührt von dannen. Allein der Einzug der Fahnen und Standarten, der kein Ende zu nehmen schien, besaß die Aura des Einzigartigen. Elf Gauvereine aus dem Bayerischen Trachtenverband - das ist die Hälfte aller bayerischen Trachtengaue - begrüßte Sepp Kaindl mit ihren Standarten. Dazu kamen über 40 Vereinsfahnen. Mit ihren Fahnenträgern und Fähnrichen nahmen sie im Altarraum Aufstellung. Dazu erklang die Bairische Singmesse, gestaltet von den Starnberger Fischerbuam, dem Hochberghauser Klarinettenquartett, dem Starnberger Dreigsang und der Pöckinger Zithermusi sowie den Dettenschwanger Weisenbläsern. An der Orgel Michael Beyrau.

Die Festlichkeit erreichte ihren Höhepunkt mit der Enthüllung der Huosigau-Standarte und ihrer Segnung. Seit Monaten mit Spannung erwartet, hatte die Standarte bis dato kaum jemand gesehen: Im Mittelpunkt auf dunkelblauem kostbaren Textil das Gnadenbild von Andechs: „Unsere Liebe Frau, auf unsere Heimat schau“, steht da in goldenen Lettern. Die rote Seite zeigt das Huosigau-Zeichen, das symbolisiert, dass die Trachtler „Gutes Altes stets erhalten, gutes Neues mit gestalten.“ Vom Zauber der textilen Kunst bis zum reich verzierten Standartenausleger mit dem Bayerischen Löwen auf der Spitze, sind die Huosigau-Trachtler fasziniert von ihrem neuen Symbol der Gemeinschaft.

Für feierliche Augenblicke sorgten Kinder aus den Huosigau-Vereinen, die voller Ehrfurcht die Fahnen- und Erinnerungsbänder auf Samtkissen zum Altar trugen. Sie assistierten den Stiftern der Bänder, die nach ihren Prologen die Bänder an die neue Standarte hefteten. Ein Ehrenband widmete unter anderem die Schirmherrin des Festes, Landtagsabgeordnete Renate Dodell (aus Raisting) der neuen Standarte. Ein weiteres kam vom Patengau, dem Lechgau-Trachtenverband mit Vorsitzendem Franz Multerer.

Für den Huosigau-Verein in Amerika, dem Trachtenerhaltungsverein Edelweiß Denver | Colorado erwies Otto Gorner der neuen Standarte die Ehre. Man spürte ihm die tiefen Gefühle an, während er sagte, die Gründungsmitglieder hätten ihre Heimat verlassen müssen, aber Tracht und Lebensgewohnheiten mitgenommen. Gorner war es auch, der vor 50 Jahren die bayerischen Trachtenvereine angeschrieben hatte auf der Suche nach Heimat-Anschluss und dann vom Huosigau aufgenommen wurde.

Danach kreuzten sich die Huosigau- und die Lechgau-Standarte dreimal zum Standartengruß. Symbolische Gaben beendeten die Festlichkeit: Erde und Blumen als Zeichen der Verbundenheit mit der Heimat, Schuhe und Flöte für Tanz, Platteln „und als Zeichen für unsere Lieder und Spiele. Und wir bringen Brot und Wein für alles, was uns nährt und Kraft gibt für unser Ehrenamt und die Trachtensach’ “, sagte Monika Bösl vom Huosigau-Vorstand.

 „Wir feiern ein Fest der Heimatverbundenheit“, betonte Altabt Dr. Odilo Lechner von St. Bonifaz und Andechs. Auch freue er sich, das Symbol der Gemeinschaft und Verbundenheit zu segnen, „weil Diessen und Andechs seit alters zusammengehören.“ Er hielt fest, dass eine Standarte heute überaus zeitgemäß sei und zitierte aus einem Buch, das die Konsequenz der Moderne untersucht: Der Mensch sei nicht mehr eingebettet in seine Heimat, er sei ohne Wurzeln „überall und nirgendwo daheim“. Man erlebe die große Einheit der ganzen Welt, fuhr er fort und fasste das Ergebnis der Studie zusammen: „Wir wollen aber auch daheim sein“. Neben dem Entwurzelt sein, entstünde wieder eine große Sehnsucht nach einer neuen Verwurzelung, „das drücken wir durch unsere Tracht aus, durch die Pflege der Heimat mit ihrer Musik, ihren Tänzen und Liedern - und mit dem Gedankengut.“ Text: Beate Bentele | Fotodokumentation von Anja Bach, Fotografie aus Leidenschaft, Schondorf
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