Die „Stunde Null“ einer neuen Landschaft
Samstag, 30. Oktober 2011 – Vereinsausflug ins Nördlinger Ries – Erster Teil

Sie haben sich mitten hinein in den am besten erhaltenen Meteoritenkrater der Erde gewagt. Man sagt der Region, die als Nördlinger Ries bekannt ist, gewisse Eigenheiten nach und dass der heimische Menschenschlag beeinflusst sei von der archaischen Energie, die der Ries-Kessel - das „Kraterloch“ - ausstrahlt. Nun, die Diessener Trachtler waren fasziniert und beteuerten am Ende von zwei ereignisreichen Ausflugstagen: „Wir müssen unbedingt bald wieder kommen.“

Mehr will man erfahren von dem Landstrich, der vor 15 Millionen Jahren durch den Einschlag einer gewaltigen Sternschnuppe (ein Kilometer großer Steinmeteorit) entstanden ist. Er drang in die Erdkruste bis in eine Tiefe von 1.000 Metern ein und riss mit der Energie von 250.000 Hiroshima-Bomben einen Krater von 12 Kilometern Durchmesser. Der „Schwabenstein“ (Suevit) ist nur eine der geologischen Besonderheiten, die sich dabei im Ries entwickelten, das heute zu den 14 nationalen Geoparks in Deutschland gehört. Außerdem ist das Land durch den Krater, der sich anfangs mit Wasser gefüllt hatte, gesegnet mit guter Erde für den Ackerbau und gestaltet durch eine einzigartige Landschaft, die vom flachen Riesbecken ausgehend im Riesrand mündet, mit seiner durch sanfte Hügel, Mischwälder und Heideflächen geformten Topografie.

Genauso spektakulär, wie das Ries in aller Welt, vor allem auch in der Weltraumforschung, beschrieben und erforscht wird, mindestens genauso einfach gibt sich der Rieser, der kein lauter Aufreißer ist, dessen Stärken eher im Verborgenen blühen. Entsprechend schlicht und zurückhaltend sind die 99 Ries-Dörfer. Umso intensiver erlebt der Reisende die Natur und Kultur, aber auch die Zeugen einer großen Vergangenheit. Alles miteinander brachte die Geoparkführerin Sonja Fall der Gruppe aus Diessen nahe.

Der Tag begann äußerst vergnüglich und lustig in der Fürstlichen Burgschenke Harburg. Sie befindet sich mitten in der besterhaltenen Burganlage Süddeutschlands, die einst Poplegende Michael Jackson kaufen wollte, der es dann aber vorzog, doch in den USA zu bleiben. Erste große Station war die „lebende Stadt des Mittelalters“: Vom Wehrgang aus „eroberte“ die Gruppe die Nördlinger Altstadt, und erfuhr, dass die ehemalige freie Reichsstadt umgeben ist von Deutschlands einziger, vollständig erhaltener und begehbarer Stadtmauer. Sie ist insgesamt 2,7 Kilometer lang. Nur durch eines der fünf Stadttore kommt man ins Zentrum.

Beeindruckend die zahlreichen Fachwerkhäuser im Gerberviertel, das an die Lodweber, Gerber und  Färber erinnert. Um 1500, erzählt die Stadtführerin, gab es noch 85 Gerbereien. Zu dieser Zeit war Nördlingen die größte Messestadt neben Frankfurt in Deutschland. Mit der Entdeckung Amerikas, 1492, ging die Bedeutung der Stadt drastisch zurück. Nach dem 30-jährigen Krieg (1618 - 1648), der mit der Schlacht auf dem Albuch im September 1634 grauenvolle Spuren hinterließ, schrumpfte die Bevölkerung von 9.000 auf 4.000 Einwohner. Erst 300 Jahre später erreichte Nördlingen wieder die ursprüngliche Einwohnerzahl. Heute leben 19.000 Menschen in der Stadt.

Am Abend ging es Richtung Wemding, einem berühmten Wallfahrtsort, der mit „Maria Brünnlein“ die zweitgrößte Wallfahrt nach Altötting ist in Bayern. Kurz vor Wemding führt eine Birkenallee durchs Wemdinger Ried zum Wildbad. Das ehemalige Privatbad der Bayerischen Kurfürsten ist seit Mitte des 15. Jahrhunderts bekannt und seit 125 Jahren eine Hotelanlage im Familienbesitz. Fotos: Beate Bentele, Magnus Kaindl, Text: Beate Bentele
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