Diessen feiert seinen Maibaum
Am 1. Mai 2013 schaut der Wettergockel wieder auf Diessen

"Noch mal nachschieben – und Hau-Ruck …". Letzte Kraftanstrengung von 40 starken Buam und der Diessener Maibaum rastet in seiner Verankerung ein. Es ist 11.30 Uhr, die Blasmusik Diessen spielt auf und aus Hunderten von Kehlen kommt lautes Juchzen. Die Menge applaudiert: Diessen hat wieder einen Maibaum und die Sommerfrischler eine Orientierung mitten im Ort. Schöner als je zuvor steht der blau-weiß gerautete Stamm stramm im Spitz zwischen Mühlstraße und Fischerei. Mit neuen Zunftzeichen und dem stattlichen Gockel auf der Spitze.

Der Maifeiertag beginnt kühl. Die Mitglieder vom Heimat- und Trachtenverein d’ Ammertaler sind früh auf den Beinen. Die Burschen holen ihren wohlbehüteten Maibaum aus seinem Versteck, wo er  sogar 38 Maibaum-Klauern aus einem Nachbardorf erfolgreich Widerstand geleistet hatte. Mit dem Traktor wird er über Romenthal auf die Landsberger Straße kutschiert und  in der Hofmark auf das Pferdegespann von Josef Steinle aus Wengen verladen.

Gerade als sich der Spielmannszug des Trachtenvereins und die Diessener Musikkapelle in Bewegung setzen, geht über der Marktgemeinde am See die Sonne auf und kündigt einen strahlenden und warmen Maientag an. Die Trachtler flankieren ihren Maibaum, begleitet von Bürgermeister Herbert Kirsch. Die süddeutschen Kaltblüter Odessa und Olympia ziehen die kostbare Fuhre sicher zum Fundament, wo bereits in der frühen Morgenstunde aus allen Himmelsrichtungen die Menschen herbeiströmen, die fast zwei Stunden lang begeistert und gespannt das Aufstellungsspektakel verfolgten, das in Diessen noch mit 100 Prozent Manneskraft erfolgt. Lediglich ein Sicherungskabel verbindet den 30-Meter-Stamm mit einem Feuerwehrfahrzeug.

Routiniert und erfahren im Maibaum-Aufstellen führen die Zimmerer Hans-Jörg Ender und sein Bruder Josef die Regie."„Die Freude an dem alten Braucht liegt in der Familie", stahlt Senior Josef Ender, der jeden Handgriff genau verfolgt und nebenbei erzählt, wie er 1952 zum ersten Mal den Diessener Maibaum in seine Position gebracht hat. Und seine Frau Gertraud hält alles mit der Kamera fest. Von Anfang an dabei auch die Zimmerei Franz Pföderl, die, wie Sepp Kaindl vom Trachtenverein festhält, auch schon in der dritten Generation mitmacht.

Anfangs bemühten sich Trachtler und Feuerwehr, den Baum in Position zu bringen. Aber je höher die "Schwalben" (Konstruktionen aus Hölzern und Tauen) den Baum lupften, umso mehr starke Männer klinken sich spontan mit ein und lassen die Muskeln spielen. Kein Wunder, dass beim schweißtreibenden Bizeps-Protzen die "Frauenfrage" einfach abgelehnt wird. "Frauen haben andere Stärken", weiß Florian Vief vom Trachtenverein, "die gehören nicht an die Schwalbe." Und Stefan Scheidl bekundet, dass man beim Maibaumaufstellen "jede Menge Schmalz braucht, aber nicht nur Ohrenschmalz." Das letzte Männerreservat dürfe nicht von den Weibsbildern bedroht werden, sind die Kerle am weiß-blauen Stamm einig. Die Diskussion hat Rudolf Gilk vom Bayerischen Fernsehen in Gang gebracht, weil – wie es überall zu hören ist – in Prüfening bei Regensburg eine Frauengruppe in die Männerdomäne eingedrungen ist.

In Diessen sind die Fronten klar: Die Frauen sorgen für die Verpflegung. Das bairische Büffet ist aber schon zur Mittagshitze ganz schön geschrumpft, weil – so schätzen die Trachtler aufgrund der Bestuhlung – rund 1.200 Diessener und Gäste bis in den späten Nachmittag hinein feiern.  Damit niemand hungrig bleibt, schwärmen die Trachtler aus und holen die heimischen Bäcker und Metzger aus der Feiertagsruhe. Inzwischen kehrt auch die Feuerwehr-Drehleiter zurück, die zu einem Dachstuhlbrand nach Hechenwang gerufen wurde, natürlich genau in dem Moment, wo die Zunftzeichen am Maibaum angebracht werden sollten. Nun, die sind heuer besonders schön anzusehen, weil sie aufgefrischt und renoviert worden sind. Außerdem sind noch drei dazugekommen. Angestiftet von Handwerkern, die ihre Zunft auch am Maibaum "verewigt" haben wollen: Die neuen zeigen das Sattlerhandwerk, vertreten von Michael Ruoff, Rainer Metzger setzte sich für die Kaminkehrer ein und Herbert Wammetsberger für die Maler. Text/Fotos: Beate Bentele
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