Pfiat di, Maibaum!
Samstag, 21. Januar 2012, vormittags zehn Uhr

Der Himmel öffnete seine Schleusen und es schneite, was die Wolken hergaben. Nach einer Stunde war der Flockentanz vorbei – und der Diessener Maibaum lag am Boden: Am Samstag, 21. Januar 2012 sperrte die Diessener Polizei die innerörtlichen Straßen, weil der Heimat- und Trachtenverein d' Ammertaler Diessen-St. Georgen unter Mithilfe einer starken Feuerwehr-Abordnung den stattlichen Maibaum im Spitz zwischen Mühlstraße und Fischerei aus der Verankerung hob und zersägte. Der Grund: Nach zweieinhalb Jahren wurden zwei Faulstellen am Baum festgestellt. Aus Sicherheitsgründen entschlossen sich die Verantwortlichen vom Diessener Trachtenverein, das wohl stattlichste Symbol bairischer Tradition vorzeitig zu fällen.
 
Das löste eine Grundsatzdiskussion über die Versicherungsvorschriften aus, die den Vereinen zunehmend Daumenschrauben anlegen, nicht nur beim Maibaum, sondern auch bei öffentlichen Veranstaltungen jeder Art.
 
Stand der immer gut 30 Meter hohe Maibaum mit seinen dekorativen Zunftzeichen und dem kunstvoll weiß-blau verzierten Stamm stets fünf Jahre, musste bereits der Vorgängerbaum frühzeitig umgeschnitten werden. Ein Maibaum, wie der Diessner bedarf – bis er am 1. Mai aufgestellt und gefeiert wird – erheblichen Einsatzes und Arbeitsaufwands. Das zieht sich bis zu einem Dreivierteljahr hin und ist nicht alle drei Jahre leistbar.
 
Wann Diessen wieder einen Maibaum hat? Die Entscheidung ist derzeit noch offen. Allerdings lebt der gefällte Baum als Fünf-Meter-Stumpf mit einer *Erinnerungstafel in seiner blauen Verankerung weiter. So möge er zum nachdenken auffordern, über umständliche bürokratische Hürden und steigende Genehmigungskosten, die ehrenamtliche Brauchtumspflege erschweren und erheblich einschränken. "Es ist kein Schandbaum", betont Andreas Huber, Vorsitzender des Diessener Trachtenvereins, "sondern eine Mahnung, dass Brauchtums- und Heimatpflege nicht nur Vereinssache ist, sondern uns alle angeht." Fotodokumentation: Beate Bentele

* Das steht auf der Tafel:
Jetzt steh i do, i armer Tropf, g'stutzt haben's mi jetzt von Arsch bis Kopf.
Beraubt bin i der Zünfte Zier, hab g'schmückt den Ort, den Platz dahier.
Fünf Jahr lang durft i amoi steh, Behördenvorschriften ach o weh
machten mir, oh welcher Hohn, den Garaus nach 2 ½ Jahren schon.
Wo stirbt des Landes Sitt' und Brauch, da stirbt des Landes Blüte auch.
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