Mit der Weißwurscht in der Hand
Sexy Volkslieder beim Saitenschinder Hoagarten in Diessen am Samstag, 20. September 2014

DIESSEN – Die Stimmung war – passend zum Wiesn-Auftakt – "boarisch, wuid und guad". So beschreibt ein Hoagarten-Stammgast im Unterbräu in Diessen einen musikalischen Abend, zu dem die Saitenschinder unter der Leitung von Magnus Kaindl in jedem Herbst einladen. Dass neben bekannten Musiken heuer erstmals sexy Volkslieder gesungen und auch kraftvoll gejodelt wurde, bezeichnete er als großartige Steigerung des bairischen Kulturlebens in der Marktgemeinde. Entsprechend eng ist es geworden und Spätankömmlinge, die noch auf einen Stuhl spechteten, wanderten vom Saal in die Wirtsstube. Man hätte auch dort gut gehört, sagen sie zum Schluss, vor allem die frechen Gesänge seien "wunderbar rübergekommen."

Sexy Volkslieder kommen gerade groß raus. Das Kulturreferat der Stadt München (Abteilung Volkskultur) ist gerade der Erotik im Volkslied ganz neu auf der Spur. Wiederholt waren dieser Tage die Veranstaltungen zum Thema in München restlos ausgebucht: Junge Musikanten spielten freche Lieder auf, um zu beweisen, dass Volkslieder nicht immer so harmlos sind, wie sie sich anhören. "Ihre Doppeldeutigkeit war früher allen klar, heute muss sie neu aufgedeckt werden als sinnenfrohes Gesamterlebnis", lacht Magnus Kaindl und verteilt Liedblätter mit frechen Liedern, "die einfach ins bairische Wirtshaus gehören." Wen wundert's, dass das Publikum lautstark mitsingt und Freude an frivolen Liedern bekundet. Vor allem die Ballade von der Weißwurscht geht locker und flockig von den Lippen. Es ist die Geschichte von Aurora, die vergeblich auf ihren Geliebten wartet, "mit einer Weißwurscht in der Hand". Kraftvoll singen die Männer beim "Schwarzbraunen Madel". Bei dem Wechselgesang sind die Frauen eindeutig leiser, holen aber zum Schluss ganz schön auf mit wilden Gesängen, wonach am Ende der Männerwunsch erhört wird: "Herzallerliebstes Schatzel, derf i a moi kemma, bei da nacht zur dir?"

Erstmals zieht der Jodler beim Hoagarten in Diessen ein. Nahezu die Hälfte der Kursteilnehmer, die jüngst auf Initiative von Beate Bentele und Magnus Kaindl am "Ersten Schatzberg-Jodeln" teilgenommen haben, fanden sich auch beim Hoagarten ein. Klar, dass sie ihre melodischen Urlaute und Kraftsilben zum Besten geben wollten und die Jodel-Neulinge begeisterten mit ihrem verwegenen Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme. Gleich mehrstimmig und im Kanon wurde gejodelt – das Ergebnis konnte sich hören lassen.

Im Kontrast dazu die fast lyrisch wirkenden alpenländischen Lieder vom Männer-Viergesang, der aus den Reihen der Diessener Trachtler entstanden ist mit Sepp Kaindl, Andreas Huber, Florian Vief und Michael Promberger. Unter anderem erfreute sich das Publikum an einem Lied von Karl Kraus aus Raisting, der in den 1950-er Jahren das bairische Lied zu den Menschen brachte: "Es weht a Winderl übers Moos". Für Kaindl ein schönes Beispiel regionaler Liedkultur, "wir müssen nicht immer auf den Kiem Pauli zurückgreifen, der halt sehr bekannt ist und war." Mit lebhaftem Ziach-Spiel begeisterte wieder Max Kümmeth, der in der Schweiz lebt und sich den Saitenschinder-Hoagarten nicht entgehen lässt. Auch das Windacher Blech mit den Schmidts an der Spitze kommt immer wieder mit Freude nach Diessen mit bairisch böhmischer Blasmusik, mit Polka, Landler und Märschen. Und die Saitenschinder selber? Sie verzauberten mit feinen Musiken, die festlich und lyrisch zugleich waren, sanft und hochkarätig. Zu den wilden Wirtshausliedern setzten sie einen Kontrapunkt mit Russischer Tanzvariation, mit dem Zimtschneckenmarsch aus Schweden und ganz neu im Repertoire warteten sie mit dem Walzer in den Frühling auf. Text/Fotos: Beate Bentele

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